Minderheiten-Quartett

Deutschland leidet an einer chronischen Minderheitendebatte. Deshalb treffen sich regelmäßig hysterische Menschen im Fernsehen, um dort über Minderheiten außer sich zu geraten, zu denen sie selbst gar nicht gehören. Danach gehen sie unverstanden nach Hause und schreiben am nächsten Tag einen wütenden Artikel in die Zeitung, vollenden ein Buch oder verfassen einen Gesetzesentwurf. Am Abend treffen sich alle im Fernsehen wieder und erzählen, was sie wissen. Schon seit Jahren kommt dieser Zyklus ohne jede Rationalität aus, er profitiert sogar von seiner Unvernunft. Die Zeit war also mehr als reif, sich einmal vollkommen nüchtern der deutschen Minderheiten- und Integrationsdebatte zu nähern und dabei die Form der Auseinandersetzung selbst zum Gegenstand der Betrachtung zu machen. Was wir dabei herausfanden, übertraf unsere schlimmsten Befürchtungen bei weitem. Doch eins nach dem Anderen …

Immer dann, wenn Minderheiten als großes Thema auf die Titelseiten oder den besten Sendeplatz geprügelt werden, geht es automatisch auch um die wichtige Frage der Integration. Beide Begriffe scheinen untrennbar miteinander verbunden zu sein und zwar aus folgendem Grund: Eine Minderheit wird stets als latentes Problem thematisiert. Denn schließlich steht sie als Randgruppe immer schon mit einem Bein außerhalb der Gesellschaft und macht sich damit verdächtig. Die Lösung für dieses „Problem“ ist folglich die Integration der betreffenden Minderheit in die Mehrheitsgesellschaft. Wie die gewünschte Integration aber gelingen soll, darüber sind die Integrationswütigen traditionell uneins. Die einen favorisieren das Modell „Integration durch Anpassung“ bei dem sich die Minderheit möglichst ihrer unangenehmen Gepflogenheiten entledigen soll, um dann so zu leben wie der, der sich an ihr stört. Den anderen ist eher daran gelegen, die Minderheit in ihrer urwüchsigen Form zu belassen und stattdessen Akzeptanz für ihre unleidlichen Marotten in der Bevölkerung einzufordern; nicht zuletzt wegen der unheilvollen Geschichte des Landes. Beide Denkweisen gehen dabei von der Grundannahme aus, dass es sich bei Minderheiten um Personengruppen handelt, die zum einen auf eine schwer erklärliche Art und Weise grundlegend „anders“ und darüber hinaus in ihrer Eigenschaft als Gruppe vollkommen homogen sind.

So entstehen also „die Moslems“ oder „die Schwulen“, über deren Integrationswillen bzw. deren Tauglichkeit als Eltern man in einer christlich-heterosexuellen Talkrunde so wunderbar von oben herab per Ferndiagnose entscheiden kann. Zur Argumentation werden dabei nicht selten die übelsten Stereotypen bemüht, um der eigenen, zutiefst gefühlten Befremdung Ausdruck zu verleihen. Der sozialschmarotzende Prügel-Hakan und die verweichlichte Exhibitionisten-Tunte lassen grüßen. Dass diese unter dem Deckmantel freier Meinungsäußerung geführten „Diskussionen“ aus Gründen der Quotenwirksamkeit mehrheitlich auf reißerischen Vorurteilen basieren, kann demnach kaum verwundern. Wirklich erstaunt hat uns hingegen die Erkenntnis, dass selbst formal hochgebildete Menschen, die gesellschaftliche Schlüsselpositionen bekleiden, hemmungslos mit diesem Repertoire an Stereotypen operieren.

So geschehen am 21. April 2010 im Rechtsausschuss des Deutschen Bundestages während einer Anhörung zur Änderung des Grundgesetzes. Thema war die Erweiterung des 3. Artikels GG, dessen dritter Absatz explizite Diskriminierungsverbote beinhaltet. Dieser Absatz sollte nach einem Antrag von SPD, Grünen und Linkspartei um das Merkmal „sexuelle Identität“ ergänzt werden. Der von der Union bestellte Gutachter Prof. Dr. Winfried Kluth, mutmaßliches Aufsichtsratsmitglied bei „Opus Dei“ und darüber hinaus Richter am Landesverfassungsgericht Sachsen-Anhalt, sprach sich in seiner Stellungnahme natürlich konsequent gegen den Diskriminierungsschutz sexueller Minderheiten aus. Seine Argumentation: Würden sexuelle Minderheiten in der Verfassung berücksichtigt und somit geschützt, würde das die Integration der in Deutschland lebenden Muslime erheblich erschweren, wenn nicht gar verhindern. Denn in der Gruppe der Muslime sei die Akzeptanz gegenüber nicht-heterosexuellen Lebensweisen nur „wenig entwickelt“, so Kluth. In der Union hat man scheinbar sehr genau erkannt, dass man die im Umlauf befindlichen Klischees zu einzelnen Minderheiten geschickt nach der aktuellen Hysterielage auswählen und für sich nutzbar machen kann, indem man vermeintliche Interessen mehrerer Randgruppen einfach gegeneinander ausspielt. Immerhin muss man so nicht selbst erklären, dass man Schwule scheiße findet und nicht im Traum daran denkt, sie rechtlich mit anderen Bürgern gleichzustellen. Diese Haltung kommt lediglich getarnt als Sorge um die Integration der Moslems zum Ausdruck und ist als Argument scheinbar ausreichend, um einer anderen Gruppe ihre Rechte vorzuenthalten. Dafür nimmt man dann auch gern in kauf, Moslems per se als xenophobe, rückständige Dumpfbacken hinzustellen. Immerhin kann man sich dabei auf die Medien berufen.

Dieser Vorfall war letztlich die Initialzündung für die Entwicklung des Minderheitenquartetts. Unser Ziel war es, den Irr- und Dumpfsinn eines gesellschaftlichen Diskurses aufzuzeigen, der nicht selten auf reiner Fiktion und vorgeschobenen Pauschalurteilen beruht. Herausgekommen ist dabei ein Spiel, das ohne Rücksicht auf herrschende Dogmen die beklemmende Sinnlosigkeit der boulevardesken Minderheiten- bzw. Integrationsdebatte nachvollziehbar macht.